«Neuigkeiten aus der Agentur»

Krimischreiben in Italien – am 7. Tag ist alles vorbei

Heute war der letzte Kurstag und meine Geschichte kam als allerletzte dran. Ich war beim Vorlesen entsetzlich aufgeregt, dabei habe ich schon oft vor Publikum gesprochen. Diesmal war es aber etwas anderes, ich habe meine eigene Kurzgeschichte vorgelesen und gehofft, dass die anderen mir meine Nervosität nicht allzu sehr anhören. Aber sowohl die Reaktion der anderen Kursteilnehmer als auch der Dozenten war überwiegend positiv. Die Geschichte hat ein paar formale Fehler, die Perspektive ist nicht ganz richtig eingehalten, aber sowohl der Grundaufbau, als auch der Plot sind stimmig, die Auflösung verständlich und die Geschichte entspricht insgesamt dem richtigen Schema. Ich bin sehr stolz über das Lob und erleichtert, dass ich es wirklich hinbekommen habe!

Bevor ich meinen Reisebericht abschließe möchte ich unbedingt noch Danke sagen, den Organisatoren, Caterina und Georg, die alles dafür gegeben haben, uns eine richtig schöne Woche zu machen, unseren Dozenten Bernhard und Robert, für alles, was sie mir in so kurzer Zeit beigebracht haben, für ihre Kritik und ihre allzeit offenen Ohren, Danke an Frau Fricke, die mich zu diesem Kurs überredet hat und an alle anderen Kursteilnehmer, für die interessanten Gespräche und natürlich die unvergesslichen Nächte in der Rokkabar!

Und hier ist meine fertige Kurzgeschichte:

Ein Ausflug

Wenigstens hatte es endlich aufgehört zu regnen. In den trüben Pfützen spiegelten sich die grob verputzen Backsteinmauern des halbfertigen Hofes, der im warmen Licht der Abendsonne still und leblos wirkte. Ein riesiger, aufgeweichter Komposthaufen direkt an der Hauswand und einige vor sich hin rostende Gerätschaften verstärkten den Eindruck von unverborgener Achtlosigkeit.

Dass am ersten halbwegs sonnigen Abend ausgerechnet ein Ausflug in einen Landwirtschaftsbetrieb auf dem Plan stand, konnte keinen der Teilnehmer richtig begeistern. Aber angeblich sollte es dort spannender sein, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Das jedenfalls hatte der Kursleiter mit einem Augenzwinkern versprochen, und so waren am Ende doch alle mitgekommen. Jetzt standen sie hier, auf dem schlammigem Vorplatz des Hofes, und sowohl dessen Besitzer als auch die angekündigte Spannung ließen auf sich warten.

„Signor Torelli sollte eigentlich längst hier sein“ betonte Georg Simader, der Organisator des Ausflugs, mittlerweile zum dritten Mal, „aber er ist auch nicht unbedingt für seine Zuverlässigkeit berühmt. Ich geh kurz telefonieren, schaut ihr euch doch einfach schon mal ein bisschen um!“ Mehr oder weniger lustlos trabten die Kursteilnehmer in verschiedene Richtungen davon, dabei hätten sie alle ihre Zeit eigentlich viel lieber anders genutzt. Morgen sollten die Kurzgeschichten fertig sein und die Wenigsten hatten überhaupt mehr als ein Drittel der vorgeschriebenen Textlänge erreicht, von Überarbeitungen, schlüssigen Charakterbeschreibungen und ausgefeilten Dialogen ganz zu schweigen. Natürlich hatte niemand erwartet, dass man in einer Woche wirklich einen packenden Krimi zustande bringen könnte. Aber die Schwierigkeit, in wenigen Tagen eine Kurzgeschichte auf Basis der bisherigen Erlebnisse vor Ort zu konstruieren, hatten sie alle unterschätzt. Und statt jetzt wenigstens an ihren rudimentären Textfragmenten weiterarbeiten zu können, hatten sie sich zu dieser Besichtigung eines sogenannten Agriturismo überreden lassen, mit dem Ergebnis, dass der Besitzer offensichtlich nicht an einer Führung interessiert war, und sich stattdessen alle nasse Füße holten.

„Ich hab schon überlegt, einfach gar nichts abzugeben, bevor ich mich vor allen blamiere.“ Mit dieser Bemerkung wollte Daniela, eine elfengleiche Blondine im pinkfarbenen Regencape, nur erreichen, dass der Angesprochene sie sofort vom Gegenteil zu überzeugen versucht. Aber Philipp, ein ambitionierter Autor, in dessen Wohnung mehrere Schubladen voller unfertiger Entwürfe vor sich hin staubten, war selbst viel zu sehr in Gedanken und reagierte deswegen nur mit einem gemurmelten „Ach was. Das wird schon noch.“, einer für Daniela in höchstem Maße unbefriedigenden Antwort. Isabelle, die einige Meter hinter den beiden her stapfte, und in ihren zu engen Riemchensandalen die tieferen Pfützen zu umgehen versuchte, verdrehte die Augen und schnaubte kaum hörbar. Ihr ging der ganze Kurs auf die Nerven, von dessen Teilnehmern sie erheblich mehr Tiefgang, Vorbildung und Schreiberfahrung erwartet hätte. Als erfahrene Anwältin hatte sie ja schon mit einigen Stümpern zu tun gehabt, aber wer sich heutzutage alles anmaßte, schreiben zu können, das war einfach lächerlich. Um sich nicht weiter über das Anerkennungsgebettel dieser aufgetakelten Möchtegern-Barbie aufregen zu müssen, bog Isabelle vom aufgeweichten Kiesweg in einen Gemüsegarten ab, an dessen Rand mehrere große Rosmarinbüsche im Abendlicht rötlich glänzten.

Isabelle wollte sich zwischen den duftenden Zweigen gerade eine Zigarette anzünden, als ihr Blick an einem Schuh mitten in den Beeten hängen blieb. Was war das hier bloß für ein heruntergekommener Laden, wenn sogar im Gemüsegarten Müll herumlag? Der Schuh lag auf der Seite, die Sohle Isabelle zugewandt, und das Beet davor war zerwühlt. Hier gab es ja angeblich immer wieder Probleme mit Wildschweinen, aber Schuhe schleppten die doch für gewöhnlich nicht durch die Gegend. Nach ein paar Schritten in den Garten erkannte sie schließlich, dass der Schuh durchaus nicht alleine im Beet lag und ihr erster Gedanke war „Oh nein, was soll das denn jetzt?“ Das sollte vermutlich eine Leiche darstellen, schlammig, eindeutig unecht, und auch noch schlecht drapiert. Die Beine waren in derart unnatürlichen Winkeln geknickt, dass sie nur die Stoffbeine einer billigen Schaufensterpuppe sein konnten, der Oberkörper war vollkommen unrealistisch eingedellt und der größte Teil des Kopfes eine blutige Masse ohne erkennbare Form. Nichtmal das Blut sah auch nur halbwegs echt aus. War das etwa die unerwartete Spannung, von der Georg auf dem Weg hierher gesprochen hatte? Isabelle fand das mehr als albern, wollte aber nicht als Spielverderberin dastehen und rief deswegen nach den Anderen, wenn auch ziemlich halbherzig. „Kommt mal alle her, ich hab hier was gefunden, ihr werdet es nicht glauben…“
Philipp und Daniela waren als erste da und schauten neugierig Richtung Beet. „Was soll das denn sein? Eine Leiche?“ Philipp war ebenso wenig beeindruckt von dieser Inszenierung. Daniela allerdings riss erschrocken die Äuglein auf „Ist die etwa echt?“ „Natürlich nicht, was denkst du denn?“ entgegnete Isabelle, genervt von so viel, vermutlich nur teilweise aufgesetzter Naivität. „Ein Kurs voller angehender Krimiautoren auf der Suche nach Inspiration besucht einen per se völlig unspannenden Hof und plötzlich liegt da aus heiterem Himmel eine Leiche rum, was für ein Zufall.“ In Gedanken ergänzte sie noch „du Hohlbrot“ und fand diese ganze Chose zunehmend überflüssig. Aber was hatten sie auch erwartet, nach ihrem Gekicher und Geflachse über angebliche Leichen, gegenseitige Mordgedanken und diesem permanenten Gerede über Bösartigkeit und Niedertracht. Da mussten sich die Organisatoren ja fast schon genötigt fühlen, ihnen so eine armselige Vorstellung zu bieten.

Philipp hatte mittlerweile zusammen mit anderen Männern aus dem Kurs die angebliche Leiche genauer in Augenschein genommen und bemerkte „Aus der Nähe sieht es noch unechter aus!“ Trotzdem hatte sich schon fast alle Teilnehmer im Gemüsebeet eingefunden, und je nach Interessenlage wurde über die Albernheit der ganzen Situation gelästert oder der Schlamm an den Schuhen verflucht, während die Überambitionierten natürlich das unmittelbare Umfeld nach den Spuren des Verbrechens durchkämmten. „Also ich find das ne coole Idee, ich hab mich im ersten Moment total erschrocken!“ Daniela tippte mit der Spitze ihres rosa Turnschuhs den unförmigen Torso an. Eine Wolke aus schwarz glänzenden Fliegen erhob sich brummend vom dunkelrot verkrusteten Gesicht des Toten. Für einen Augenblick wurde es still, dann wischte Philipp die aufkommende Irritation mit einer heftigen Geste beiseite. „Das ist bestimmt Hackfleisch oder so, damit es echter wirkt, das hat die Fliegen angezogen. Die haben sich da schon ein bisschen Mühe gemacht, um uns zu schocken.“ Die Anderen lachten verunsichert und Daniela trat nochmal gegen den schlammbedeckten Oberkörper, sogar etwas fester als beim ersten Mal. „Jetzt seid nicht albern!“ Philipp hatte langsam genug von diesem Unfug. „Ihr wollt blutrünstige Geschichten schreiben und lasst euch von einer lächerlichen Puppe erschrecken? Schaut her, die lässt sich ganz einfach hochheben und die Haare sind bestimmt nur eine billige Perücke!“ Zum Nachweis zog er beherzt an den schmutzigen schwarzen Haaren, aber der schwere Körper ruckte und schmatzte nur im rotbraunen Schlamm. Philipp kam durch den unerwarteten Widerstand ins Rutschen und plumpste neben der Leiche in die aufgewühlte Erde. Zwischen seinen Fingern klebten ausgerissene Haare mit entsetzlich echten Haarwurzeln. Wenige Sekunden später wurde schließlich auch Georg Simader von gellenden Schreien an den Ort des Geschehens gerufen.

Der Commissario schüttelte fassungslos den Kopf. Er konnte einfach nicht glauben, was hier los war. Die Spurensicherer standen unschlüssig herum und Simader jammerte ihm seit mehr als einer Viertelstunde die Ohren voll, dass es ihm so schrecklich leid tue, und wirklich niemand mit Absicht etwas zerstört habe, aber er hätte ja nicht ahnen können, was hier passiert sei. Keiner der Teilnehmer hätte jemals zuvor eine echte Leiche gesehen, außerdem hätten sie seit Tagen über Mordfälle gewitzelt, da wäre es doch kein Wunder, dass sie den Toten für eine Attrappe gehalten hatten. Die Augen des Commissario verengten sich. „Sie haben den Tatort vollkommen zertrampelt, hier wird keine einzige vernünftige Spur mehr zu finden sein! Außerdem wurde der Tote auch noch bewegt und es haben sich mindestens drei Leute in unmittelbarer Nähe übergeben! Das ist ein einziger Alptraum! Was soll ich denn hier noch ermitteln?“ Simader senkte betroffen den Blick. „Ich kann gar nicht sagen, wie unglaublich unangenehm mir das…“ „Unangenehm?!“ fuhr ihm der Commissario dazwischen. „Sie finden das also unangenehm? Signor Torelli wurde vielleicht an dieser Stelle ermordet und die Wahrscheinlichkeit, dieses Verbrechen jemals aufzuklären geht praktisch gegen Null, weil Sie diese bescheuerten Dilettanten hier Detektiv spielen lassen! Jetzt schaffen Sie mir endlich diese Idioten aus den Augen und wehe irgendjemand schleppt auch nur den kleinsten Stein vom Tatort weg, dann lasse ich Sie und Ihren kompletten Kurs sofort einsperren!“ Simader war vernünftig genug, auf weitere Bemerkungen zu verzichten und sammelte seine derangierten Schäfchen ein, um sie zu ihren Unterkünften zu bringen und dann schnellstmöglich die Abreise zu organisieren. Er ahnte schon, dass dies wohl sein letzter Krimikurs in Farnese gewesen war.

Am nächsten Abend, nachdem alle Teilnehmer weg waren, zu traumatisiert um sich an das Wort „Rückerstattung“ zu erinnern, saß der völlig erschöpfte Georg Simader zuhause in seinem bequemsten Korbstuhl, und ließ sich noch einmal vom Commissario am Telefon zusammenfalten. „Wir konnten so gut wie nichts herausfinden. Torelli wurde wahrscheinlich am Fundort erschlagen, aber nicht einmal das können wir mit Sicherheit sagen. So viele Feinde, wie dieser Mann hatte, könnte das hier praktisch jeder gewesen sein. Aber was der Regen an Spuren nicht weggespült hat, haben Sie und Ihre Hobbykriminologen erfolgreich vernichtet und dadurch echte Polizeiarbeit unmöglich gemacht. Ich hoffe Sie sind stolz auf sich!“ Georg legte das tutende Telefon mit einem Seufzer beiseite. Er nahm den Brief, der ihm in letzter Zeit so viel Sorge bereitet hatte, aus der Kommode. Der Brief, in dem eine absurd hohe Summe gefordert worden war, unterschrieben von Torelli. Er nickte kaum merklich und zerriss das Papier dann lächelnd in viele kleine Stücke.

 

Krimischreiben in Italien – Sieben Kurzkrimis und eine Erfolgsgeschichte an Tag 6

Der heutige Tag begann halbwegs pünktlich und ein klitzekleines bisschen verkatert mit dem ersten Teil der Kurzgeschichten. Meine kam heute noch nicht an die Reihe also werde ich noch weiter aufgeregt sein. Die sieben bisher vorgetragenen Geschichten waren sehr unterschiedlich, aber alle hatten sie auf die ein oder andere Weise mit Farnese, dem Kurs oder unseren bisherigen Erlebnissen zu tun. Eine bezog sich sehr stark auf die Kirche, an der wir immer vorbeigegangen sind und Stefania, die wir am ersten Tag interviewt hatten, spielte gleich in mehreren eine Rolle. Eine andere Geschichte deckte schreckliche Geheimnisse in der düsteren Vergangenheit der Stadt auf und in einer wurde ein Dozent zum Mordopfer. Ich fand es toll zu entdecken, wem was wichtig und in Erinnerung geblieben war.

Jede Geschichte wurde einzeln besprochen, alle konnten Fragen stellen oder sich unklare Zusammenhänge erklären lassen. Anhand der Beispiele wiederholten die Dozenten noch einmal die wichtigsten Ergebnisse der letzten Tage und gaben uns noch ein paar ergänzende Hinweise, wie beispielsweise immer genau zu überdenken, ob beschriebene Vorgänge wirklich physikalisch möglich sind.

Das Phänomen Nele Neuhaus

Lesung mit Nele Neuhaus

Nach sieben blutrünstigen Geschichten waren wir fürs erste ziemlich erledigt, später am Abend sollte es aber ganz ähnlich weitergehen. Die erfolgreiche Autorin Nele Neuhaus war extra für eine zweisprachige Lesung aus ihrem Buch „Tiefe Wunden“ nach Farnese gekommen. Wegen des Lufthansa-Streiks hatte sie dafür sogar 14 Stunden Autofahrt auf sich genommen. Veranstaltungsort war ein kerzenbeleuchteter Kellerraum in der Stadt, gelesen wurde abwechselnd, immer ein deutscher Abschnitt von Nele Neuhaus, und danach die italienische Version von Valeria. Nach der Lesung stellten die deutschen und italienischen Zuhörer viele Fragen zum Buch und auch zu Nele selbst, deren Werdegang ziemlich außergewöhnlich ist.

Ihre ersten drei Bücher veröffentlichte sie im Selbstverlag und war damit so erfolgreich, dass der Ullstein-Verlag auf sie aufmerksam wurde und sie unter Vertrag nahm. Mittlerweile gehört sie zu den erfolgreichsten Krimiautorinnen in Deutschland, ihre Bücher verkaufen sich millionenfach, wurden in 14 Sprachen übersetzt und zwei davon werden gerade verfilmt. Eine so traumhafte Karriere ist, wie wir ja gerade erst vom Literaturagenten Georg erfahren haben, für Autoren höchst ungewöhnlich, und es war schön, jemanden kennenzulernen, der so erfolgreich und trotzdem ganz normal geblieben ist.

Morgen lese ich endlich meine Geschichte vor und dann ist diese wunderbare Woche in Farnese schon fast zu Ende…

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Krimischreiben in Italien – Tag 5: die richtigen Worte und die Sicht der Dinge

Letzte Nacht gab’s ausnahmsweise keine Cocktails, dafür ist meine Kurzgeschichte tatsächlich fertig geworden. In der Mittagspause habe ich noch ein paar Formulierungen geändert und danach abgegeben. Morgen und Übermorgen wird jeder seine Geschichte vorlesen und sich der Kritik der Dozenten und der anderen Kursteilnehmer stellen. Ich mag die Geschichte mittlerweile ganz gerne, trotzdem bin ich ziemlich aufgeregt.

Geschriebene Rede

Unsere beiden letzten großen Themen heute waren Dialogentwicklung und Perspektive. Ein Dialog ist mehr als die Unterhaltung zweier Personen. In ihm können die Herkunft der Sprechenden, regionale Prägung, Hintergründe, aktuelle Stimmungslage und Charakter transportiert werden. Durch den verwendeten Wortschatz, den Satzbau, bestimmte Phrasen, Wortwahl und Betonung kann eine Figur viel deutlicher charakterisiert werden, als durch ihre bloße Beschreibung. Die Schwierigkeit dabei ist, dass ein Dialog zwar realistisch klingen soll, aber trotzdem immer konstruiert ist, da eine normale gesprochene Unterhaltung in aufgeschriebener Form nicht funktioniert. Die vielen Kleinigkeiten, die wir beim Sprechen am Tonfall und in der Mimik unseres Gegenübers ausmachen können, müssen in einem geschriebenen Dialog auf andere Weise vermittelt werden, beispielsweise durch eingeschobene erzählende Abschnitte oder Unterbrechungen. Aber ein gut geschriebener Dialog kann die Zeit sowohl beschleunigen als auch dehnen, den Leser atemlos machen oder unruhig, das finde ich ungeheuer faszinierend. Um mit Dialogen etwas sicherer zu werden, machten wir wieder ein paar praktische Übungen und langsam schwand damit auch unsere Scheu vorm Vorlesen.

Aus dem richtigen Blickwinkel

Die richtige Perspektive zu finden und vor allem zu halten, war für mich eines der schwierigsten Themen. Im Grunde gibt es nicht sehr viele Möglichkeiten, ein Erzähler kann entweder auktorial sein, das heißt, er ist allwissend, steht außerhalb der Geschichte, kann in alle Figuren „hineinsehen“ und kennt sowohl Vergangenheit als auch Zukunft. Ein neutraler Erzähler aus der Ich- oder Er-Perspektive ist quasi ein unsichtbar anwesender Beobachter und kann das Geschehen nur beschreiben, ohne die Gedanken der Figuren zu kennen. Die dritte und am meisten verbreitete Perspektive ist personal, entweder in Ich- oder Er-Form, schreibt also aus der Sicht genau einer Person, mit allen Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen. Die personale Perspektive kann zwar von einem Kapitel zum anderen wechseln, muss aber innerhalb einer Szene bei einer Figur bleiben, um glaubwürdig zu sein. Wenn in einer Szene aus der Sicht von Person A plötzlich von den Gedanken einer anderen Person die Rede ist, stimmt etwas mit der Perspektive nicht.

Beispiel: „Ich hatte schreckliche Angst. Meine Hände zitterten und mein Magen krampfte sich zusammen. Würde ich wirklich in diesem dreckigen Loch sterben? Die Frau neben mir starrte mich mit angstgeweiteten Augen an und dachte ebenfalls über ihr Ende nach.“

Das passt nicht zusammen, weil man aus dieser Sicht unmöglich wissen kann, was die Frau nebenan denkt. Auch wenn das dem Leser nicht bewusst ist, stolpert er darüber. In diesem Beispiel könnte man die Perspektive allerdings relativ einfach durch die Ergänzung des Wortes „vermutlich“ bereinigen. Perspektivfehler kommen ziemlich häufig vor und ich werde wohl nie wieder ein Buch lesen können, ohne darauf zu achten.

Vom Regen in die Rokkabar

Heute abend wollten wir nach dem Unterricht eigentlich alle zusammen zum Lago di Bolsena oder in die alte Etruskerstadt Pitigliano fahren, weil es aber leider regnet, haben wir zusammen in Farneses Pizzeria gegessen, Wein (oder Bier) getrunken, sehr viel gelacht, uns über unsere fertigen Geschichten gefreut, unsere Dozenten mit albernen (und auch ernsten) Fragen gelöchert, uns ganz prächtig unterhalten und sind schließlich in die Rokkabar geschwankt, um auch noch den Rest von Lidanos Cocktailkarte auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Morgen wird bestimmt ganz prima…

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Krimischreiben in Italien – Tag 4: Figurenbeschreibung und Marktregeln

Lidanos Cocktails sind offenbar nicht nur lecker, sondern steigern auch die Kreativität, ich habe nämlich letzte Nacht meine Geschichte einfach komplett neu geschrieben, mit erheblich weniger Figuren und viel unkomplizierter. Außerdem bin ich mir jetzt endlich über den genauen Aufbau im Klaren und muss sie heute Nacht im Grunde „nur“ noch fertig schreiben.

Alles auf Anfang

Der heutige Kurstag begann mit einem der wichtigsten Teile eines Romans, dem ersten Satz. Am Beispiel von drei Romananfängen von Martin Suter, Davide Longo und Roger Smith diskutierten wir die unterschiedlichen Möglichkeiten eines Einstiegs und konnten die wichtigsten Eigenschaften erkennen: Der Anfang eines Krimis sollte dessen Essenz schon enthalten, den Ton festlegen und den Leser in die Geschichte hineinziehen. Dafür gibt es natürlich zahllose Varianten, man kann zum Beispiel entweder in eine Szene „einzoomen“, indem man sie von weit weg beschreibt und dann immer näher zum Wesentlichen kommt, oder umgekehrt „auszoomen“, indem man mit Details startet und sich das Bild dann allmählich zusammenfügt. Oder man begleitet eine Figur in die erste Szene hinein und sieht das Ganze aus ihrem Blickwinkel.

Die Entwicklung einer Figur

Die Figuren geben einem Roman im wahrsten Sinne des Wortes Leben, deshalb ist ihre Beschreibung ebenso wichtig wie schwierig. Es reicht nicht, eine Person einfach äußerlich zu beschreiben, sie muss einen Charakter und Tiefe haben und so schnell wie möglich unverwechselbar gemacht werden. Um eine in sich stimmige Figur zu erschaffen, muss man als Autor auch ihre Geschichte kennen und wissen, wie diese Figur sich in einer bestimmten Situation entscheiden würde. Als Übung entwickelten wir in Dreiergruppen die Vorgeschichte einer Figur, die in der Gegenwart eine bestimmte besondere Eigenschaft hat. Diese Eigenschaft ist für die Figur essentiell und hat sie auf ihrem bisherigen Weg geprägt, dessen einzelne charakterbildende Stationen wir in 15 Minuten zusammenfassen sollten.

Da meine beiden Übungspartner mit einem ähnlichen Humor gesegnet waren wie ich, war die besondere Eigenschaft unserer Figur eine Hakenhand, die eine junge Frau nach dem Verlust ihrer Hand in der elterlichen Ölmühle bekommen hatte. Die darauf folgenden tragischen und schicksalhaften Wendungen (wie zum Beispiel die Bekanntschaft mit einem verrückten Erfinder und Prothesenspezialisten) machen „Leah Hakenhand™“ zu einer versehrten, aber selbstbewussten Wohltäterin und gleichzeitig geheimen Rächerin. In dieser Aufgabenrunde wurde sehr viel gelacht…  Auch die anderen Charakterskizzen waren richtig interessant und es war erstaunlich zu sehen, wie viel Vorarbeit man für eine einzige Figur leisten muss, bevor sie überhaupt in einem Roman auftauchen kann. Das was in der eigentlichen Geschichte passiert, stellt die Zukunft der Figur dar und die Hindernisse, die sie auf ihrem weiteren Weg überwinden muss.

Nicht beschreiben, sondern zeigen

Eine Figur oder auch einen Ort im Roman zu beschreiben ist eine weitere Herausforderung. Eine reine Aufzählung äußerer Eigenschaften wird niemanden fesseln, stattdessen muss man als Autor Bilder im Leser erschaffen, am besten indem man eine Beschreibung in eine Handlung einbettet. Auch dazu gab es wieder eine Übung, nämlich die Beschreibung der vorher entwickelten Figur in einer Szene an der Tür. Hier ist mein Ergebnis dazu:

„Ich hatte noch den Finger auf der Klingel, als die Tür zu Leahs Appartment aufgerissen wurde. Ihre perfekt frisierten Haare und das schwarze Abendkleid sagen aber ebenso deutliche wie ihr verwirrter Blick, dass ich nicht der Besuch war, den sie erwartet hatte. Mit der silbern glänzenden Hakenprothese, die mir immer einen kalten Schauer über den Rücken jagte, und die in absurdem Widerspruch zu ihrer ansonsten schicken Aufmachung stand, deutete sie einladend in die kleine Diele.“

Für eine Ortsbeschreibung gilt im Grunde dasselbe, um Atmosphäre aufzubauen muss man den Leser durch einen Raum führen, indem man zum Beispiel der Blickrichtung einer Person folgt. Dabei können auch die Emotionen einer Figur in die Beschreibung einfließen, so dass der Leser einen Ort alleine durch die Art der Beschreibung beispielsweise als bedrückend empfinden kann.

Wie geht es mit einem Manuskript eigentlich weiter?

Zum Abschluss des Tages erhielten wir beim Abendessen einige sehr interessante Einblicke in die Praxis, bei Georg Simaders Vortrag „Wie kommt mein Manuskript zum Verlag?“. Georg ist Literaturagent, vermittelt also grob gesagt Autoren an Verlage, handelt die mitunter komplexen Verträge aus und bekommt dafür bei Veröffentlichungen eine Provision. Ich war erstaunt, wie wenige Manuskripte es tatsächlich bis zur Veröffentlichung schaffen, und wie unglaublich gering die Anzahl der Autoren ist, die wirklich vom Schreiben leben können. Von den jährlich 1000 eingesandten Manuskripten werden nur 5 bis 10 angenommen und von denen dann höchstens 80 Prozent vermittelt. Natürlich werden das dann auch nicht alles Bestseller. Interessant war auch, welchen Einfluss scheinbare Kleinigkeiten wie der Name des Autors (der deshalb oft nicht sein echter Name ist), der gewählte Verlag, sowie Art und Zeitpunkt der Veröffentlichung haben. Außerdem fand ich die tägliche Arbeit in einer Literaturagentur sehr spannend, zwischen dem Sichten und Lektorat der unzähligen Manuskripte, den Vertragsverhandlungen und den vielen Gesprächen mit Autoren und Verlagen.

Heute Nacht muss ich auf jeden Fall noch meine Kurzgeschichte fertig schreiben, morgen nachmittag ist Abgabetermin, ich hoffe ich bin bis dahin halbwegs zufrieden damit!

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Krimischreiben in Italien – die erste Krise an Tag 3

Heute ging es richtig mit Theorie los, nämlich mit einer kurzen Geschichte der Kriminalliteratur und einem Genreüberblick. Angefangen hat alles mit den Kriminalfall-Sammlungen von François Gayot de Pitaval. Die erste echte Kriminalgeschichte stammt von Friedrich Schiller, danach folgten Heinrich von Kleist, E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe. Das Genre der Kriminal- und Detektivromane wurde dann vor allem im angelsächsischen Raum geprägt, von Sir Arthur Conan Doyle und Agatha Christie, während Kriminalromane in Deutschland lange Zeit einen schlechten Ruf als Schund hatten. In den USA wurde das Genre schließlich stilbildend und auch in Frankreich sehr erfolgreich. In den 70er Jahren kamen aus Schweden neue Ansätze, vor allem mit den hochspannenden und gesellschaftskritischen Romanen von Sjöwall/Wahlöö. Schwedische Kriminalromane sind bis heute am erfolgreichsten.

Welches Genre passt zu mir?

Bevor man Hals über Kopf mit einem Kriminalroman loslegt, sollte man die Untergenres kennen und sich auch schon ungefähr überlegen, was man da eigentlich schreiben möchte. Es gibt klassische Polizeiromane, Detektivromane, Thriller, den Roman Noir, Psychokrimis, Agententhriller, Ethnokrimis, Regionalkrimis und Historische Krimis. Diese Genres sind sich teilweise strukturell ähnlich, können sich überschneiden und haben auch selbst wieder Untergenres. Wenn man beispielsweise mehr am Seelenchaos seiner Hauptfiguren interessiert ist, als an möglichst vielen unerwarteten Wendungen bis zur Lösung des Falls, dann bietet sich eher ein Psychokrimi an, wenn es eine Geschichte ohne moralisierende Auflösung werden soll, in der am Ende die Welt überhaupt nicht in Ordnung ist, wird es vermutlich ein Roman Noir. Grundsätzlich sollte man sowieso genau wissen, wessen Geschichte man eigentlich erzählen will und was der zentrale Konflikt des Romans ist, damit man sich nicht völlig verzettelt.

Dramaturgie und Spannung

Nach dem Mittagessen ging es mit der „Architektur“ von Texten weiter. Sowohl Tragödien als auch Komödien sind immer nach einer grundsätzlichen Struktur konstruiert: in der Exposition werden die zentralen Figuren und der Handlungsraum vorgestellt, dann gibt es einen Auslöser, den Konflikt, der zu einer dynamischen Entwicklung führt, diese Entwicklung spitzt sich zu, bis am Ende der Konflikt in einer überraschenden Wendung aufgelöst wird. Die Strecke vom Auftauchen bis zur Lösung des Konflikts generiert die Spannung.

Das klingt theoretisch alles ganz einfach, aber sich einfach mal so einen spannenden Plot aus dem Ärmel zu schütteln, ist dann doch etwas ganz anderes. Um es uns ein bisschen leichter zu machen, hatten die Dozenten ein „Miss-Marple-Schema“ mitgebracht. In einer Tabelle sind verschiedene Funktionsrollen von Figuren eingetragen, die man mehr oder weniger willkürlich miteinander verbinden kann. So konstruiert man ganz schnell eine Grundlage für einen klassischen Whodunit-Rätselkrimi, in dem beispielsweise der Mörder gleichzeitig der Zeuge ist, das Mordopfer auch vom Mord profitiert und der Ermittler zum Hauptverdächtigen wird. Nach diesem Schema erstellten wir in Zweiergruppen in 15 Minuten Arbeitszeit kurze Exposés, die alle erstaunlich gut gerieten. Wenn man weiß, wer was getan hat, ist es viel einfacher, sich dazu Vorgeschichten und Beweggründe auszudenken.

Warum eigentlich?

Zum Abschluss des Tages empfahlen die Dozenten noch, uns selbst die Frage zu stellen, die jeder Autor hasst: „Warum schreiben Sie eigentlich?“ Wenn man selbst nicht weiß, was die Geschichte für einen selbst wichtig macht und wo das eigene Interesse daran liegt, wird man nämlich auch niemals jemand anderen dafür begeistern können.

Meine ersten Kurzgeschichtenentwürfe gefallen mir nach allem was wir heute gelernt haben überhaupt nicht mehr. Ich kann den grundsätzlichen Konflikt nicht wirklich benennen, mir erscheinen die Wendungen unplausibel und ich kann die Handlung selbst nicht logisch nachvollziehen. Außerdem finde ich keinen richtigen Schluss. Heute Nacht will ich versuchen, die Geschichte radikal zu verkürzen und mich nur auf die wesentlichen Figuren zu konzentrieren. Aber zuerst gehen wir nach dem Essen noch zusammen in Farneses „Rokkabar“ und testen die Cocktails des erstaunlich begabten Barkeepers Lidano, und das obwohl noch niemand besonders weit mit seiner Kurzgeschichte gekommen ist.

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