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Krimischreiben in Italien – Tag 5: die richtigen Worte und die Sicht der Dinge

18 September 2012,   Von ,   1 Kommentare

Letzte Nacht gab’s ausnahmsweise keine Cocktails, dafür ist meine Kurzgeschichte tatsächlich fertig geworden. In der Mittagspause habe ich noch ein paar Formulierungen geändert und danach abgegeben. Morgen und Übermorgen wird jeder seine Geschichte vorlesen und sich der Kritik der Dozenten und der anderen Kursteilnehmer stellen. Ich mag die Geschichte mittlerweile ganz gerne, trotzdem bin ich ziemlich aufgeregt.

Geschriebene Rede

Unsere beiden letzten großen Themen heute waren Dialogentwicklung und Perspektive. Ein Dialog ist mehr als die Unterhaltung zweier Personen. In ihm können die Herkunft der Sprechenden, regionale Prägung, Hintergründe, aktuelle Stimmungslage und Charakter transportiert werden. Durch den verwendeten Wortschatz, den Satzbau, bestimmte Phrasen, Wortwahl und Betonung kann eine Figur viel deutlicher charakterisiert werden, als durch ihre bloße Beschreibung. Die Schwierigkeit dabei ist, dass ein Dialog zwar realistisch klingen soll, aber trotzdem immer konstruiert ist, da eine normale gesprochene Unterhaltung in aufgeschriebener Form nicht funktioniert. Die vielen Kleinigkeiten, die wir beim Sprechen am Tonfall und in der Mimik unseres Gegenübers ausmachen können, müssen in einem geschriebenen Dialog auf andere Weise vermittelt werden, beispielsweise durch eingeschobene erzählende Abschnitte oder Unterbrechungen. Aber ein gut geschriebener Dialog kann die Zeit sowohl beschleunigen als auch dehnen, den Leser atemlos machen oder unruhig, das finde ich ungeheuer faszinierend. Um mit Dialogen etwas sicherer zu werden, machten wir wieder ein paar praktische Übungen und langsam schwand damit auch unsere Scheu vorm Vorlesen.

Aus dem richtigen Blickwinkel

Die richtige Perspektive zu finden und vor allem zu halten, war für mich eines der schwierigsten Themen. Im Grunde gibt es nicht sehr viele Möglichkeiten, ein Erzähler kann entweder auktorial sein, das heißt, er ist allwissend, steht außerhalb der Geschichte, kann in alle Figuren „hineinsehen“ und kennt sowohl Vergangenheit als auch Zukunft. Ein neutraler Erzähler aus der Ich- oder Er-Perspektive ist quasi ein unsichtbar anwesender Beobachter und kann das Geschehen nur beschreiben, ohne die Gedanken der Figuren zu kennen. Die dritte und am meisten verbreitete Perspektive ist personal, entweder in Ich- oder Er-Form, schreibt also aus der Sicht genau einer Person, mit allen Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen. Die personale Perspektive kann zwar von einem Kapitel zum anderen wechseln, muss aber innerhalb einer Szene bei einer Figur bleiben, um glaubwürdig zu sein. Wenn in einer Szene aus der Sicht von Person A plötzlich von den Gedanken einer anderen Person die Rede ist, stimmt etwas mit der Perspektive nicht.

Beispiel: „Ich hatte schreckliche Angst. Meine Hände zitterten und mein Magen krampfte sich zusammen. Würde ich wirklich in diesem dreckigen Loch sterben? Die Frau neben mir starrte mich mit angstgeweiteten Augen an und dachte ebenfalls über ihr Ende nach.“

Das passt nicht zusammen, weil man aus dieser Sicht unmöglich wissen kann, was die Frau nebenan denkt. Auch wenn das dem Leser nicht bewusst ist, stolpert er darüber. In diesem Beispiel könnte man die Perspektive allerdings relativ einfach durch die Ergänzung des Wortes „vermutlich“ bereinigen. Perspektivfehler kommen ziemlich häufig vor und ich werde wohl nie wieder ein Buch lesen können, ohne darauf zu achten.

Vom Regen in die Rokkabar

Heute abend wollten wir nach dem Unterricht eigentlich alle zusammen zum Lago di Bolsena oder in die alte Etruskerstadt Pitigliano fahren, weil es aber leider regnet, haben wir zusammen in Farneses Pizzeria gegessen, Wein (oder Bier) getrunken, sehr viel gelacht, uns über unsere fertigen Geschichten gefreut, unsere Dozenten mit albernen (und auch ernsten) Fragen gelöchert, uns ganz prächtig unterhalten und sind schließlich in die Rokkabar geschwankt, um auch noch den Rest von Lidanos Cocktailkarte auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Morgen wird bestimmt ganz prima…

Hier geht’s weiter mit Tag 6 des Krimikurses >>

 

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