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Krimischreiben in Italien – Tag 4: Figurenbeschreibung und Marktregeln

17 September 2012,   Von ,   1 Kommentare

Lidanos Cocktails sind offenbar nicht nur lecker, sondern steigern auch die Kreativität, ich habe nämlich letzte Nacht meine Geschichte einfach komplett neu geschrieben, mit erheblich weniger Figuren und viel unkomplizierter. Außerdem bin ich mir jetzt endlich über den genauen Aufbau im Klaren und muss sie heute Nacht im Grunde „nur“ noch fertig schreiben.

Alles auf Anfang

Der heutige Kurstag begann mit einem der wichtigsten Teile eines Romans, dem ersten Satz. Am Beispiel von drei Romananfängen von Martin Suter, Davide Longo und Roger Smith diskutierten wir die unterschiedlichen Möglichkeiten eines Einstiegs und konnten die wichtigsten Eigenschaften erkennen: Der Anfang eines Krimis sollte dessen Essenz schon enthalten, den Ton festlegen und den Leser in die Geschichte hineinziehen. Dafür gibt es natürlich zahllose Varianten, man kann zum Beispiel entweder in eine Szene „einzoomen“, indem man sie von weit weg beschreibt und dann immer näher zum Wesentlichen kommt, oder umgekehrt „auszoomen“, indem man mit Details startet und sich das Bild dann allmählich zusammenfügt. Oder man begleitet eine Figur in die erste Szene hinein und sieht das Ganze aus ihrem Blickwinkel.

Die Entwicklung einer Figur

Die Figuren geben einem Roman im wahrsten Sinne des Wortes Leben, deshalb ist ihre Beschreibung ebenso wichtig wie schwierig. Es reicht nicht, eine Person einfach äußerlich zu beschreiben, sie muss einen Charakter und Tiefe haben und so schnell wie möglich unverwechselbar gemacht werden. Um eine in sich stimmige Figur zu erschaffen, muss man als Autor auch ihre Geschichte kennen und wissen, wie diese Figur sich in einer bestimmten Situation entscheiden würde. Als Übung entwickelten wir in Dreiergruppen die Vorgeschichte einer Figur, die in der Gegenwart eine bestimmte besondere Eigenschaft hat. Diese Eigenschaft ist für die Figur essentiell und hat sie auf ihrem bisherigen Weg geprägt, dessen einzelne charakterbildende Stationen wir in 15 Minuten zusammenfassen sollten.

Da meine beiden Übungspartner mit einem ähnlichen Humor gesegnet waren wie ich, war die besondere Eigenschaft unserer Figur eine Hakenhand, die eine junge Frau nach dem Verlust ihrer Hand in der elterlichen Ölmühle bekommen hatte. Die darauf folgenden tragischen und schicksalhaften Wendungen (wie zum Beispiel die Bekanntschaft mit einem verrückten Erfinder und Prothesenspezialisten) machen „Leah Hakenhand™“ zu einer versehrten, aber selbstbewussten Wohltäterin und gleichzeitig geheimen Rächerin. In dieser Aufgabenrunde wurde sehr viel gelacht…  Auch die anderen Charakterskizzen waren richtig interessant und es war erstaunlich zu sehen, wie viel Vorarbeit man für eine einzige Figur leisten muss, bevor sie überhaupt in einem Roman auftauchen kann. Das was in der eigentlichen Geschichte passiert, stellt die Zukunft der Figur dar und die Hindernisse, die sie auf ihrem weiteren Weg überwinden muss.

Nicht beschreiben, sondern zeigen

Eine Figur oder auch einen Ort im Roman zu beschreiben ist eine weitere Herausforderung. Eine reine Aufzählung äußerer Eigenschaften wird niemanden fesseln, stattdessen muss man als Autor Bilder im Leser erschaffen, am besten indem man eine Beschreibung in eine Handlung einbettet. Auch dazu gab es wieder eine Übung, nämlich die Beschreibung der vorher entwickelten Figur in einer Szene an der Tür. Hier ist mein Ergebnis dazu:

„Ich hatte noch den Finger auf der Klingel, als die Tür zu Leahs Appartment aufgerissen wurde. Ihre perfekt frisierten Haare und das schwarze Abendkleid sagen aber ebenso deutliche wie ihr verwirrter Blick, dass ich nicht der Besuch war, den sie erwartet hatte. Mit der silbern glänzenden Hakenprothese, die mir immer einen kalten Schauer über den Rücken jagte, und die in absurdem Widerspruch zu ihrer ansonsten schicken Aufmachung stand, deutete sie einladend in die kleine Diele.“

Für eine Ortsbeschreibung gilt im Grunde dasselbe, um Atmosphäre aufzubauen muss man den Leser durch einen Raum führen, indem man zum Beispiel der Blickrichtung einer Person folgt. Dabei können auch die Emotionen einer Figur in die Beschreibung einfließen, so dass der Leser einen Ort alleine durch die Art der Beschreibung beispielsweise als bedrückend empfinden kann.

Wie geht es mit einem Manuskript eigentlich weiter?

Zum Abschluss des Tages erhielten wir beim Abendessen einige sehr interessante Einblicke in die Praxis, bei Georg Simaders Vortrag „Wie kommt mein Manuskript zum Verlag?“. Georg ist Literaturagent, vermittelt also grob gesagt Autoren an Verlage, handelt die mitunter komplexen Verträge aus und bekommt dafür bei Veröffentlichungen eine Provision. Ich war erstaunt, wie wenige Manuskripte es tatsächlich bis zur Veröffentlichung schaffen, und wie unglaublich gering die Anzahl der Autoren ist, die wirklich vom Schreiben leben können. Von den jährlich 1000 eingesandten Manuskripten werden nur 5 bis 10 angenommen und von denen dann höchstens 80 Prozent vermittelt. Natürlich werden das dann auch nicht alles Bestseller. Interessant war auch, welchen Einfluss scheinbare Kleinigkeiten wie der Name des Autors (der deshalb oft nicht sein echter Name ist), der gewählte Verlag, sowie Art und Zeitpunkt der Veröffentlichung haben. Außerdem fand ich die tägliche Arbeit in einer Literaturagentur sehr spannend, zwischen dem Sichten und Lektorat der unzähligen Manuskripte, den Vertragsverhandlungen und den vielen Gesprächen mit Autoren und Verlagen.

Heute Nacht muss ich auf jeden Fall noch meine Kurzgeschichte fertig schreiben, morgen nachmittag ist Abgabetermin, ich hoffe ich bin bis dahin halbwegs zufrieden damit!

Hier geht’s weiter mit Tag 5 des Krimikurses >>

 

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